Biophilie: die Liebe zum Lebendigen

Biophilie – die heilsame Liebe zum Lebendigen von Roland Rottenfußer

„Unsere Biophilia ist eine Schöpfung der Erde, auf der wir leben. Sie verbindet uns mit unserem Heimatplaneten“, schreibt Arvay. „Biophilia“ (oder Biophilie) bedeutet Liebe zum Leben, zum Lebendigen. Der Begriff wurde von dem Psychotherapeuten und Philosophen Erich Fromm geprägt und bezieht sich interessanterweise zunächst auf eine Charakterorientierung, besitzt sogar eine ethische Komponente. „Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen“ heißt eines der wesentlichen Bücher Fromms zum Thema. Dort leitet er Biophilie zunächst von deren Gegenteil ab: der Nekrophilie (Liebe zum Tod oder zum Toten). Den Begriff „Biophilia-Hypothese“ verwendete der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson 1993 (also erst nach Fromms Tod). Er sprach in seinem Buch von dem „menschlichen Bedürfnis, sich mit anderen Lebewesen zu verbinden“ und setzte sich für Artenvielfalt ein. Ob Wilson die Bücher Fromms zum Thema gekannt hat, bleibt unklar.
Keine Zweifel kann es mehr geben an der gesundheitlich wohltuenden Wirkung der Natur auf den Menschen. „Waldspaziergänge sind gesund“ – dies ist weitaus mehr als ein Klischee, eine von medizinischen Laien eher „gefühlte“ Erkenntnis. Wie Clemens G. Arvay in seinem Buch ausführlich darstellt, kommunizieren Pflanzen über chemische Substanzen miteinander. Sie senden Moleküle aus, etwa um andere Pflanzen vor Schädlingen zu warnen. Sogar die Frage, welcher Fressfeind sich nähert, kann über diese „Pflanzenvokabeln“ präzise beantwortet werden. Bäume bilden aufgrund solcher Alarmsignale seitens ihrer Artgenossen vorsorglich Abwehrstoffe gegen die Schädlinge, ohne selbst mit ihnen in Berührung gekommen zu sein. Von Menschen werden diese Moleküle meist als angenehme Düfte wahrgenommen.

Etwa 2000 solcher „Vokabeln“ hat die Wissenschaft mittlerweile identifiziert. Die meisten von ihnen gehören zur Gruppe der Terpene. Diese schützen Bäume vor Sonneneinstrahlung, können erwünschte Insekten und Tiere anlocken, unerwünschte abschrecken oder gar töten. Wichtig ist nun die positive Wirkung der Terpene auf unsere Gesundheit. „Einige unter den Terpenen interagieren auf höchst gesundheitsfördernde Weise mit unserem Immunsystem. (…) Waldluft ist wie ein Heiltrunk zum Einatmen“, schreibt Arvay. Traditionell nennen die Japaner das wohltuende Einatmen von Waldluft „Shinrin-yoku“ (Waldbaden). Heute ist Shinrin-yoku eine vom japanischen Gesundheitssystem sorgfältig erforschte und geförderte ergänzende Behandlungsmethode bei vielen Krankheiten. Arvay findet das nur logisch: „Pflanzen reagieren auf Terpene häufig mit einer Steigerung ihrer Abwehrkräfte. Unser Immunsystem reagiert ebenfalls mit einer Stärkung der Abwehrkräfte.“ Terpene wirken auch auf unser Hormonsystem und reduzieren Stress – ein Effekt, den man ohne weiteres aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann.

Selbst der Krebsvorsorge können Aufenthalte in der Natur dienlich sein. Clemens G. Arvay unter Berufung auf Forschungsergebnisse der Nippon Medical School in Tokyo: „Wenn Sie zwei Tage hintereinander in einem Waldgebiet verbringen, können Sie die Anzahl Ihrer natürlichen Killerzellen um mehr als fünfzig Prozent steigern.“ Freilich ist dieser Effekt im Inneren eines baumreichen Waldes am stärksten ausgeprägt. In „Savannen“-Landschaften und Anbaugebieten vieler Kulturpflanzen tritt er nur reduziert auf. Diese Landschaftsformen wirken aber auf andere Weise heilsam: durch ihre Freude spendende Fruchbarkeit.

[…]

Selbst minimale Natureindrücke – etwa ein Baum vor einem Fenster – sind offensichtlich heilsam. Das Ehepaar Kaplan hat 1200 Büroangestellte befragt, von denen die Hälfte aus ihrem Fenster Ausblick auf Grünflächen hatten. Die Kontrollgruppe hatte keinen solchen Ausblick. Die „Natur-Gruppe“ gab deutlich seltener an, unter Konzentrationstörungen zu leiden und über ihre Arbeit frustriert zu sein. Sie zeigte signifikant mehr Freude an ihrer Arbeit. Auch Kinder mit so genannter Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) profitieren ohne Zweifel von Naturerfahrungen. Der Sachbuchautor Richard Louv spricht in diesem Zusammenhang vom „Ritalin der Natur“ und plädiert – statt Ruhigstellung durch Medikamente – dafür, die Kinder in den Wald zu schicken, damit sie sich austoben können.

Biophilie – die heilsame Liebe zum Lebendigen

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One thought on “Biophilie: die Liebe zum Lebendigen

  1. Wie wahr, wie wahr! Ich konnte kaum einen Arbeitsplatz ertragen, von dem aus ich nicht einen Baum sehen konnte, Wohnungen habe ich danach ausgesucht. Ich merke die tröstende, beruhigende Wirkung eines Baumes sofort. Ein Leben ohne sie ist mir nicht mehr vorstellbar. Jeder gefällte Baum am Wegesrand bereitet mir Schmerz.

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