Sterben gilt nicht für Gott und seine Kinder

Eine Annäherung an die Auferstehung von Jaqueline Keune

Der Krieg ist noch nicht lange zu Ende. Im russischen Kulturhaus muss sich das ganze Dorf den Vortrag der kommunistischen Partei anhören. Der Genosse aus Moskau beweist zwei Stunden lang, dass es Gott nicht gibt. Ob noch jemand was sagen möchte? Ein alter Bauer steht auf und kommt nach vorn. Der Gemeindevorsitzende warnt den Redner aus Moskau: «Unser ehemaliger Dorfpfarrer.» Er wird angewiesen, nicht länger als fünf Minuten zu reden. So lange brauche er nicht, meint der Alte, steigt aufs Podium und ruft der Menge den russischen Ostergruss zu: «Christos voskres!» – Christus ist auferstanden! Und die Antwort der Menschen kommt laut und wie aus einem Mund: «Voistinu voskres!» – Er ist wahrhaft auferstanden!

Ungezählt, die Berge

«Frühmorgens, als es noch dunkel war, kam Maria von Magdala zum Grab …»
Die Nachricht von der Auferstehung ist keine Hors-sol-Hoffnung, sondern eine auf dem Grund des Karfreitags gewachsene – dem einzigen Grund, warum ich ihr traue. Auferstehung wurzelt nicht im Licht, sondern bricht aus der Nacht heraus. Der Nacht, in der der Schrei zu hören ist, warum einer einen verlassen hat. Ungezählt sind sie, die gottvergessenen Tage und Nächte, die Menschen mit ihren Tränen tränken. Ungezählt die Berge enttäuschter Hoffnungen, zerbrochener Beziehungen, verratener Versprechungen, tödlicher Gleichgültigkeiten.

Wo also kommen die Worte der Hoffnung im Letzten her? Und was sagen die Frauen und Männer aus dem russischen Dorf, wenn sie sagen, dass Jesus auferstanden sei? Welche Bilder verbinden sie mit ihrem Glauben? Und welche Wünsche knüpfe ich selber an ihn, wenn ich am Ostermorgen gemeinsam mit anderen die Auferstehung sage und singe? – Dass meine Seele unsterblich ist? Dass ich nicht verloren gehe, auch wenn mein Leib zu Erde wird? Dass mich dieses Du der Liebe auf ewig bei sich haben will, wo doch schon jedes Kind seinen Hund immer bei sich haben möchte? Oder dass die Zu-kurz-Gekommenen nicht auf ewig zu kurz kommen, dass die mit Tränen säen mit Jubel ernten und alle Münder dieser Erde eines schönen Tages voll Lachen sein werden?

Ohne alle Angst

Ja, das sage und singe ich: dass es Leben, dass es Seligkeit nach dem Tod gibt. Aber mehr noch, ungleich mehr noch: dass es Leben, dass es Seligkeit VOR dem Tod gibt. Und dass hier und heute mit Jubel ernten, die mit Tränen säen, weil wir den Untröstlichen dieser Welt keinen billigen Glaubenstrost und keinen schnellen Glaubenssinn entgegenpredigen, sondern gemeinsam die Gerechtigkeit tun.

«Warum weinst du?», fragt die Auferstehung – genau so. Die 6-jährige Saida aus Gaza weigert sich seit Monaten zu duschen, aus Angst, es bei einem Angriff nicht mehr rechtzeitig in den Luftschutzbunker zu schaffen.

Ich glaube nicht daran, dass es Ostern geworden ist, damit einer von einem Himmel verherrlicht werden konnte. Ich glaube, dass es Ostern geworden ist, damit ein Kind ohne alle Angst duschen, damit ein jedes Lebewesen ohne alle Angst sein darf.

Wenn ich die Auferstehung bekenne, dann bekenne ich, dass es ein Leben gibt, heute und hier, in dem eine jede einen Namen hat und ein jeder zählt, weil wir uns gemeinsam auf die Bewegung des Auferstanden, auf die Bewegung der Liebe einlassen.

Rose Ausländer sagt es so:

Vor seiner Geburt

war Jesus

auferstanden

Sterben gilt

nicht

für Gott

und seine Kinder

Wir sind Auferstandene

vor unserer Geburt

Geht, geht!

Nirgendwo lese ich, dass Jesus zu denen, die sich auf Krücken vorwärtsschleppten, als Aussätzige mit Klappern vor sich selber warnten, als Hungernde Schalen vor sich auf dem Boden hinstellten oder als Stumme ihre verzweifelten Arme in die Luft warfen, gesagt hätte, dass sie es im Himmel einmal schöner haben würden. Nein! Er hat geheilt, wo er nur konnte, und als Auferstandener seine Jünger und Jüngerinnen angewiesen, sich den Bedürftigen nun an seiner Stelle zuzuwenden, damit sie neuen Mut schöpften und erinnert würden, dass sie alle fürs Reich Gottes unentbehrlich waren.

Nichts ist weniger geduldig als Gottes Leidenschaft, als diese Urliebe, die auf Verwirklichung im Hier und Heute drängt. Und es ist immer bloss das eine, was der Auferstandene seinen zweifelnden und zögernden Freundinnen und Freunden sagt: Geht, geht! Bleibt nicht Knechte und Mägde des Todes!

Übungsgelände der Liebe

Die Evangelien werden konkret, wenn es um den Ort des Auferstandenen geht. «Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden … Er geht euch voraus nach Galiläa …» (Mt 28,6 f.)

Nicht der ferne Himmel, sondern die nahe Erde – der Bestimmungsort derer, die zu diesem Wanderrabbi, diesem Habenichts gehören. Galiläa – ein anderes Wort für Alltag, für den Ort, wo es gilt, hervorzutreten, wo es ernst gilt und ich nicht Zuschauerin, sondern Beteiligte bin.

Galiläa, Galizien, Gabun, Glasgow, Glarus – Übungsgelände der Solidarität, so weit das Auge reicht! Übungsgelände voller Steine, die weggewälzt werden müssen, und voller Engel, die sich gegenseitig den bleiernen Himmel der Müdigkeit aufreissen.

Die Auferstehung ist nicht allein in einen Garten bei Jerusalem eingebrochen, sondern bricht immer neu in die Felder unserer Alltage ein und schreibt und streichelt, lacht und liebt, küsst und kämpft, tröstet und träumt sich fort in heutigem Erfahren und Tun von Auferstehung.

Jetzt, in diesem Moment, erwarten uns das Leben und unsere Geschwister, nicht an irgendeinem jüngsten Tag. Lerchenjubel und Blütenzweige und Orgelbrausen – alles Zeichen der Auferstehung. Aber für mich keines so sehr wie das Tun der Liebe. Keines.

Jacqueline Keune, Luzern, ist freischaffende Theologin und Redaktorin.

http://www.weltweit.ch/sterben-gilt-nicht

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2 thoughts on “Sterben gilt nicht für Gott und seine Kinder

    1. So klingt eine wahrhaftige Predigt: sie erweckt das Herz zu neuem Leben ohne zu verschönigen. Im Grunde lehrt uns schon die Natur die Hoffnung: auf jeden Sonnenuntergang folgt ein Sonnenaufgang und selbst auf die dunkelste Winternacht der Lichtglanz des ersten Frühlingsmorgens. Als würden alle Dinge sagen: “Folge dem Licht”

      Gruß,
      Mark

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