Dietrich Bonhoeffer: Wege der Freiheit

Dietrich Bonhoeffer Er predigt Liebe gegen Hass und Terror – und lebt seine Überzeugung mutig im Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Von Elisabeth von Thadden

Warum nur Pfarrer! Dieser musikalische Junge hätte doch, aus einer angesehenen Familie von Medizinern, Juristen, Künstlern stammend und mit allen Merkmalen der intellektuellen Hochbegabung gesegnet, nicht ausgerechnet Theologie studieren müssen und sich dann, nach der Habilitation, statt Professor zu werden, auch noch der Gemeinde zuwenden. Die Familie Bonhoeffer , eine der wenigen des liberalen Bürgertums in Deutschland, die sich dem Nationalsozialismus verweigerte, hat die berufliche Entscheidung ihres sechsten Kindes zunächst etwas kopfschüttelnd aufgenommen.

Es wirkt aber heute, als habe dieser Dietrich Bonhoeffer, der als evangelischer Theologe und als Staatsbürger in den politischen Widerstand ging und wenige Tage vor Kriegsende im Konzentrationslager Flossenbürg bestialisch ermordet wurde, von Anfang an sich auf das zu konzentrieren verstanden, worauf es eigentlich ankommt – das hieß für ihn: in Christus leben – und alles Exzellenz-Gebaren an sich abgleiten lassen. In den Notizen Nach zehn Jahren, die der 36-Jährige, kurz vor seiner Verhaftung, zum Jahresende 1942/43 schrieb, stehen Sätze wie dieser: »Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.« Und dieser: »Nicht Genies, nicht Zyniker, nicht Menschenverächter, nicht raffinierte Taktiker, sondern schlichte, einfache, gerade Menschen werden wir brauchen.« Qualität, das hieß für ihn: »…den Verzicht auf die Jagd nach Positionen, den Bruch mit allem Starkult, den freien Blick nach oben und unten, […] die Freude am verborgenen Leben wie den Mut zum öffentlichen Leben.« Kulturell bedeutete ihm das: der Hast die Stille vorzuziehen oder das Buch, dem Virtuosenideal die Kunst und der Sensation die Besinnung.

Was wie ein Coaching-Programm für den intakten inneren Menschen klingen mag, hat ganz andere Spuren hinterlassen, die belegen, was Freiheit sein kann, die einem gegeben ist und die einer sich nimmt: Schon im April 1933 hält Bonhoeffer im Aufsatz Die Kirche vor der Judenfrage gegen die meisten seiner Mitpfarrer fest, die Kirche sei »den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet«. Von einer Pfarrstelle im sicheren London kehrt er 1935 nach Deutschland zurück, von einer USA-Reise im Juni 1939 desgleichen und schließt sich bis 1940 dem militärischen Widerstand an. In seiner Ethik legt er 1940 dar, was die Kirche hat fehlen lassen: »Sie war stumm, wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie.« Für Bonhoeffer, der dem Krieg durch eine christliche Ökumene hatte entgegenwirken wollen und der dann die internationalen Kontakte der Ökumene im Widerstand eingesetzt hat, um dem Kriege ein Ende zu machen, war das Christentum nicht einfach Methode, das wacklige Ich zu stabilisieren. Es hieß Liebe im heute ziemlich unüblichen Wortsinn, als Antidot gegen die Menschenverachtung nämlich: »Das einzig fruchtbare Verhältnis zu den Menschen – gerade zu den Schwachen – ist Liebe, d.h. der Wille, mit ihnen Gemeinschaft zu halten.« Mit den Menschen, nicht allein den Christen, Abendländern oder Akademikern.

Wie immer man jenes Lot versteht, das Bonhoeffers Glauben und Handeln in die Welt senkten, er selbst hat es kurz vor seiner Ermordung so formuliert: »Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist bei uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiß an jedem neuen Tag.« Aber das muss ein Mensch natürlich nicht glauben.
http://www.zeit.de/2009/47/Vorbilder-Bonhoeffer

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