Frohes Pfingsten

Frohe Pfingsten!

15. Mai 2016 von giannina

Ich liebe den aus dem 9. Jh. stammenden Hymnus „Veni creator spiritus“, „Komm Heiliger Geist“ aus vielerlei Gründen sehr. Besonders angetan hat es mir seit jeher die Zeile „Accende lumen sensibus“. Diese wurde vielfach – unpräzise – übersetzt, etwa von Luther, bei dem es „Zünd an ein Licht uns im Verstand“ heisst, oder bei Heinrich Bone, der vom „Lichtes Schein in uns“ spricht. Von Verstand ist aber gar nicht die Rede, und auch nicht von einem diffusen Lichterschein in uns, sondern es heisst korrekt: „Entzünde ein Licht in unseren Sinnen“.

Was für ein grossartiges Gebet! Es zeugt vom tiefen Wissen, dass Erleuchtung nichts ist, was jenseits der Person, jenseits der Biographie, in einem namenlosen, unnennbaren Raum stattfindet, sondern etwas, was alle Sinne des Menschen erfasst und durchdringt. Was für eine Würdigung des Leibes, der menschlichen Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit!

Der Heilige Geist erleuchtet das Sehen, das Hören, das Schmecken, das Riechen, das Tasten. Wir erlangen ein anderes Sehen, wenn wir vom Geist durchdrungen sind, ein anderes Hören, wir berühren die Dinge auf andere Weise. Deswegen folgt der Zeile auch das „infunde amorem cordibus“, das „Gieß Liebe in unsere Herzen“, denn diese auf neue Weise erleuchteten Sinne werden Diener eines liebenden Herzens. Die Richtung und Reihenfolge aber ist interessant! Das Herz wird von Liebe entflammt, nachdem durch die Sinne Gotteserfahrung geschehen ist.

Viele wissen es nicht, aber auch Goethe hat den Hymnus übersetzt. Bei ihm heißt es sehr richtig „Den Sinnen zünde Lichter an“ – und an dieser Stelle möchte ich herzlich dazu einladen, Goethes Version einmal aufmerksam zu lesen, denn sie trennt sich bewusst von einem streng christlichen Deutungshorizont und öffnet sich für west-östliches Verständnis.

Eine wunderschöne Übung, um dem Tag eine sinnvolle und lebendige Ausrichtung zu geben, ist es, schon am Morgen seine Sinne, sein Herz und Denken dem Heiligen Geist darzubringen. Ich habe dazu einmal dieses Gebet geschrieben:

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Augen,
dass sie sehen, wie Deine Liebe die Welten webt.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Ohren,
dass sie hören, wie Dein Name in allen Erscheinungen erklingt.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meinen Gaumen,
dass er schmeckt wie mütterlich Du Deine Kinder nährst.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Nase,
dass sie den Duft der Erde atme mit freudiger Dankbarkeit.

Rûah, Atem Gottes, ströme in meine Hände,
dass ihre Berührung Liebe sei.

Rûah, Atem Gottes, ströme in mein Herz,
dass es eine Kapelle der Andacht sei.

Rûah, Atem Gottes, ströme in mein Denken,
dass es Dich suche mit aufrichtigem Streben.

Rûah, Atem Gottes, ströme in mein Beten,
dass es ein Feuer der Verwandlung sei.

Amen

pfingsttaube2

Quelle: https://klanggebet.wordpress.com/2016/05/15/frohe-pfingsten/

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