Was ist Glaube? Ein kleine Reflexion

Ich denke, dass es eine Person, die gar keinen Glauben hat, nicht gibt, nicht geben kann, denn Glaube scheint ein wesentlicher Aspekt des menschlichen Bewusstseins zu sein. Unglaube ist – meinen Begriffen nach – nicht das Gegenteil des Glaubens, sondern einfach der Glaube an nichts. Darum weiß ich nicht ob ich jemals in meinem Leben einem wirklich „ungläubigen“ Menschen begegnet bin. Meine Auffassung ist eher, dass ich Menschen begegnet bin, die verschiedene weltanschauliche Präferenzen haben. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass jeder Mensch bestimmte Anschauungen bejaht, die er „als das Ergebnis eines wohlabgewogenen Entscheidungs- und Bewertungsprozesses unter hinreichender Information“ gewonnen hat, was dann „zumindest über einen gewissen Zeitraum Bestand hat.“, so wird das Handeln des Menschen als „Wirtschaftssubjekt“ im Wirtschaftslexikon beschrieben. http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/praeferenz.html

Wenn wir den Menschen rein als Wirtschaftssubjekt betrachten, dann investiert jeder von uns in bestimmte Anschauungen, weil er sich davon einen Gewinn verspricht (bis hin zum Gewinn des „Ewigen Lebens“ oder „Gottes Segen“ für unser Erdenleben hier und jetzt). Jeder Mensch wird die Anschauungen bevorzugen, die er für gewinnbringend hält und er wird seine liebgewonnenen Anschauungen erst dann durch andere ersetzen, wenn er sich sicher ist, dass andere „ertragreicher“ sein werden. Der biblische Begriff, den die Bibel hier gebraucht, um den geistlichen Gewinn des Glaubens zu beschreiben, ist der „Segen“:

Gesegnet ist der Mann, der auf den HERRN vertraut und dessen Vertrauen der HERR ist! Er wird sein wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt und sich nicht fürchtet, wenn die Hitze kommt. Sein Laub ist grün, im Jahr der Dürre ist er unbekümmert, und er hört nicht auf, Frucht zu tragen.
Jeremia 17, 7;8

Die Bibel fordert nirgendwo einen blinden Glauben. Sie zwingt auch niemanden ein bestimmtes Glaubensbekenntnis auf. Sie lässt auch offen, wie dieser Glaube vom Einzelnen verstanden, in Worte gefasst und gelebt wird. Sie verheißt uns nur dieses: wenn Du glaubst, wenn Du vertraust in die schöpfer Kraft, welche die Welt im Innersten zusammenhält, belebt und erfüllt, wenn Du dein Vertrauen zuversichtlich in den ‘Herrn’ setzt, dann wird dein Leben gesegnet sein und dein Leben wird wie ein Baum sein, der sehr nahe an Wasser gepflanzt ist, von deinem Leben wird eine segensreiche Gegenwart ausgehen, die anziehend ist, Du bekommst ‘Charisma’. Das ist durchaus etwas, was von jedem Menschen verifiziert oder falsifiziert werden kann, in dem man es schlicht und ergreifend ausprobiert. Viele Menschen – über Jahrtausende hinweg – haben das ausprobiert und damit gewinnreich gelebt, selbst angesichts von Krisenzeiten, Schicksalsschlägen und äußerster Zerknirschung und Depression. Die verschiedenen Glaubensbekenntnisse sind nur mögliche Ausdrucksformen für das gläubige Vertrauen, für die Lebenserfahrung und Weisheit vieler Generationen bis zum heutigen Tag, die eine heilende, rettende und aufrichtende Energie besitzt.

Sicher kennen auch Wissenschaftler dieses Grundgefühl religiösen Erlebens:

Eine gewaltige Lichtsinfonie spielte in tiefstem, feierlichen Schweigen über unseren Häuptern, wie um unserer Wissenschaft zu spotten: kommt doch her und erforscht mich! Sagt mir, was ich bin!
Alfred Wegener

Es“ ist für mich – paradox gesprochen – ein offensichtliches Geheimnis; und wir haben das seltsame Glück ( bzw. manchmal auch das seltsame Unglück) daran beteiligt zu sein. Für mich ist es eine Sache der Empfindsamkeit und Herzlichkeit, des Sehvermögens, der Intelligenz und Weisheit dem mit der Haltung gläubigen Vertrauens Antwort zu geben. Geniale Wissenschaftler wie Charles Darwin waren niemals Vertreter eines oberflächlichen Atheismus:

Ich habe niemals die Existenz Gottes verneint. Ich glaube, dass die Entwicklungstheorie absolut versöhnlich ist mit dem Glauben an Gott. Die Unmöglichkeit des Beweisens und Begreifens, dass das großartige über alle Maßen herrliche Weltall ebenso wie der Mensch zufällig geworden ist, scheint mir das Hauptargument für die Existenz Gottes.
Charles Darwin (1809-1882), englischer Naturforscher, Begründer der Evolutionstheorie

Ich zweifle nicht daran, dass wir mit dem guten alten Charles wunderbare Gespräche über den Sinn und Unsinn des Lebens führen könnten, auch über die Möglichkeit eines unendlichen Schöpfers und die geheimnisvolle Realität der menschlichen Seele, angesichts unsrer menschlichen Existenz in einer nahezu unmöglichen Welt, die aber doch möglich wurde! Wer weiß schon, was er heute glauben und denken würde? Vielleicht würde er heute zu jenen Querdenkern gehören, die den dogmatischen und einseitigen Materialismus unsrer Tage hinterfragen würden, weil er dem „großartigen über alle Maßen herrlichen Weltall ebenso wie dem Menschen“ nicht gerecht wird, ja sogar unbekümmert spottet.

Ist denn wohl unser Begriff von Gott etwas anderes als personifizierte Unbegreiflichkeit?
Georg Christoph Lichtenberg

Der unermeßlich reichen, stets sich erneuernden Natur gegenüber wird der Mensch, soweit er auch in der wissenschaftlichen Erkenntnis fortgeschritten sein mag, immer das sich wundernde Kind bleiben und muß sich stets auf neue Überraschungen gefaßt machen.
Max Planck

Egal wie weit der Mensch in wissenschaftlicher Erkenntnis fortschreitet, die Kehrseite dieses Prozesses ist die zeitlose Antwort des Glaubens. Stets wird in uns dieses sich wundernde Kind sein, welches in staunender und begeisterungsfähiger Menschlichkeit besteht. Das Kind in jenem Stall in Betlehem, die Erzählung von der Menschwerdung göttlichen Lebens, damit sind wir alle gemeint, wir alle sind – aufgrund der simplen Tatsache unsres Hier-Seins – eingeweiht in dieses Geheimnis, welches, weil es ein und durch und durch wahres Geheimnis ist, stets ein lebendiges und unmittelbar berührendes Geheimnis bleiben wird.

Wie wir jedoch auf dieses Geheimnis Antwort geben, wie wir uns zu ihm verhalten, wie wir die persönliche und intime Beziehung zu ihm leben, das ist unsrer ureigenen Freiheit überlassen. Niemand kann uns das abnehmen, denn es gehört zu unsrer existenziellen Würde. Keine Philosophie, kein religiöses Glaubenssystem, noch nicht mal der Schöpfer selbst kann uns diese Freiheit abnehmen, denn sie ist die schiere Tatsache nackter Menschlichkeit, die wir alle „erleiden“ müssen…. in der höchsten Freude und im tiefsten Schmerz, die miteinander den Reigen der menschlichen Geschichte tanzen …in diesem Sinne…. die Wege führen schon lange nicht mehr alle nach Rom, aber sehr wohl zum Kreuz und immer wieder zu Jesus Christus, der – in den Worten christlicher Spiritualität – als die Ikone Gottes gilt, als das uns zugewandte, sich in menschlicher Gestalt offenbarende Bild des unsichtbaren Gottes. In diesem kleinen, unscheinbaren, ärmlichen und dreckigen Stall, wo sich das Wunder der Geburt ereignet, die immer ein Geschenk ist, welches sich naturgemäß dem rationalen Begreifen entzieht.

In diesem Kind in Betlehem und im Symbol des Kreuzes spiegelt sich das Herz und Schicksal der menschlichen Berufung in diesem epischen kosmischen Ereignis, dem wir hier beiwohnen, um es mit unsrem Leben weiter zu schreiben, mit unsrem Lachen und Weinen, unsrem Werden und Vergehen, unsrem “Stirb und Werde” (Goethe), mit unsrem einzigartigen Klang, unsrem Personsein, um so hinein zu leben in die Verheißung des ewigen Lebens, das schon jetzt in unsre Gegenwart hinein scheint. Glauben, was bedeutet das? Vertrauen und hoffen und lieben, auch angesichts von Krankheit und Tod, auch angesichts von Kreuz und Atombombe, auch angesichts von Terror und Krebs: gerade darum, weil es der Weg ins wahre Leben ist. Weil das echt ist. Christsein, das bedeutet für mich: den Tod, der sich schon lange vor dem physischen Tod in unsrem Denken breit macht in Form von Angst,  Hoffnungslosigkeit und Negativität, mit dem Leben beantworten, mit einem lebendigen Denken und Dasein. Das ist die Auferstehung.

Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen.“

© mark david vinzens

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Jede Generation „malt“ sich ihr Christus-Bild: Orientierung bietet immer das Neue Testament. (c) by erzdiözese wien

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