Navid Kermani über den Islam und das Christentum

Die Worte eines deutschen Schriftstellers (und Muslims) den ich sehr schätze und sehr bedenkenswert finde.

Natürlich bringt es mich oft genug um den Verstand, was im Nahen Osten passiert. Die meisten dieser Orte, die wir heute mit Krieg und mit Terror verbinden, habe ich bereist, ich habe dort gelebt und mich wohlgefühlt, ich habe gerade die alten, multikulturellen, multireligiösen Städte des Orients geliebt. Aber denken Sie an die deutschen Emigranten nach 1933: Sie haben damals die deutsche Kultur auch nicht abgeschrieben, sondern sie verteidigt gegen jene Nazibarbarei, die sich mit Goethe, Nietzsche, Wagner zu legitimieren versuchte. Sie haben auf der deutschen Kultur beharrt und sich für sie verantwortlich gefühlt. Deshalb haben sie nach den Gründen für die Barbarei gesucht, nach deren Wurzeln in der deutschen Kultur. Ich möchte keine Nazivergleiche anstellen und schon gar nicht meine sehr kommode Situation mit derjenigen der deutschen Emigranten vergleichen, aber ich sehe den Maßstab für das kritische Denken, den sie gesetzt haben, von Thomas Mann über Adorno bis Sebastian Haffner und Hesse. Wenn man sich für eine Tradition verantwortlich fühlt, dann im Guten wie im Schlechten.

[…]
Wer so tut, als ob Gewalt und Religion nichts miteinander zu tun hätten, der macht sich geradezu lächerlich. Der europäische Faschismus hatte seine Ursachen auch in der europäischen Geistesgeschichte, und ebenso hat die islamische Spielart des Faschismus Ursachen auch in der islamischen Religion – was natürlich nicht heißt, dass beides identisch ist. Und umso mehr gibt es jene Loyalität in der Katastrophe. Mir fällt dazu der schöne Schlusssatz in der Negativen Dialektik von Adorno über das Denken ein, das solidarisch mit der Metaphysik ist im Augenblick ihres Sturzes. Der Satz hat einen völlig anderen Kontext, aber etwas von dem Gefühl, das sich darin ausdrückt, das schwingt auch bei mir mit.

[…]

Der Islam ist eine Religion des Ohres, weil Gott im Koran Sprache geworden ist, Klang. Aber Jesus Christus ist auf Erden erschienen. Gott ist im Christentum ein Mensch geworden, der nachgebildet und nachgeahmt wird. Auch im Islam gibt es viel Visuelles, von der Kalligrafie bis zur Moschee, als Vergegenwärtigung Gottes – aber doch tendenziell stets in der Abstraktion.

ZEIT: Sie schreiben, dass das Ornament in der islamischen Kunst durch seine fortlaufende, gleichmäßige, endlos anmutende Struktur Gottes Unendlichkeit versinnbildliche.

 Ja, das Ornament füllt nicht die Leere, sondern bringt sie zum Ausdruck und damit die Gestaltlosigkeit Gottes. Im Christentum ist dagegen das gegenständliche Bild so zentral, wie man das weder für den Islam noch für das Judentum sagen könnte.

ZEIT: Wodurch wirkt das Bild?

Die Skulptur einer hilflosen, ratlosen, hemmungslos weinenden Mutter, die ihren erwachsenen, abgemagerten, gemarterten, noch blutenden Sohn in den Armen hält, das verstehen wir auf einer unmittelbaren Ebene, selbst wenn wir gar nicht wüssten, dass es Maria und Jesus sind. Alles wirkt über die unmittelbare sinnliche Erfahrung – in diesem Falle durch die Einfühlung in das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Dass wir unser gestorbenes Kind im Arm tragen, das erschüttert uns bei dem bloßen Gedanken. Dazu muss man kein Christ sein. Man muss nur ein Herz haben, das sieht.

~ Navid Kermani

 

“Religion ist eine sinnliche Erfahrung”

 

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Navid Kermani

http://www.der-kultur-blog.de/friedenspreis-des-deutschen-buchhandels-2015-an-navid-kermani/

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