Jeder Mensch ist ein Mystiker

David Steindl-Rast Zur Einführung
Textauszug aus «Jeder Mensch ist ein Mystiker»

„Maslow drehte in der Mitte des 20. Jahrhunderts die bis dahin übliche Fragestellung der Psychotherapie völlig um. Er fragte nicht mehr, »Was macht Menschen psychisch krank?« sondern, »Was zeichnet psychisch besonders gesunde Menschen aus?« Dadurch stieß er auf eine ganz überraschende und für ihn selber als Agnostiker kaum akzeptable Tatsache: Psychisch besonders gesunde Menschen tendieren zu »mystischen Erfahrungen.«

Wie die meisten seiner Kollegen, hatte Maslow solche Erlebnisse als »pathologisch« klassifiziert; jetzt wurde ihm bewusst, dass sie zum innersten Wesen gesunden Menschseins gehören. Damit löste sich die bisher streng gezogene Trennungslinie zwischen Wissenschaft und Religion in nichts auf: Religion würde von nun an anerkennen müssen, dass ihre Grunderfahrungen wissenschaftlich untersuchbar seien, und Wissenschaft war mit einem Bereich konfrontiert, der über das Materielle hinausreicht. Die Folgen dieser Entdeckung sind auch heute, ein halbes Jahrhundert später, noch kaum absehbar.

Weil Maslow ein ehrlicher und wagemutiger Wissenschaftler war, verschloss er sich seiner Entdeckung nicht, obwohl sie den Rahmen der vorhandenen Wissensstruktur sprengte. Er forschte kühn und nüchtern weiter. Dabei fand er nach und nach eine zweite überraschende Tatsache: Soweit man in der Psychologie verallgemeinern kann, darf man sagen: Überwältigend viele – vielleicht alle – Menschen machen solche mystischen Erfahrungen. Er nannte sie jetzt »Gipfelerlebnisse«, um die akademische Welt nicht durch einen religiös tönenden Begriff vor den Kopf zu stoßen, bestand aber darauf, dass es sich dabei um das handelt, was traditionell »Mystik« heisst, also um eine Ergriffenheit, die tiefere Einsicht schenkt als ein begriffliches Begreifen. Dies ist von entscheidender Bedeutung für ein Verständnis dessen, was es heisst Mensch zu sein. Es will ja sagen: Mystiker sind nicht einzigartige Menschen, sondern jeder Mensch ist ein einzigartiger Mystiker.

Je klarer wir dies einsehen und danach leben, desto psychisch gesünder – lebendiger, schöpferischer, selbstsicherer und gelassener – können wir werden. Freilich kann man Gipfelerlebnisse nicht willentlich erzeugen. Sie sind immer ein überraschendes Geschenk. Aber wir können uns durch innere Offenheit vorbereiten und das Bewusstsein der Allzugehörigkeit, das uns am Gipfel geschenkt wird, dankbar in unseren Alltag einfliessen lassen. Wer dies tut, wird im täglichen Leben anders – behutsamer, herzlicher – mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen umgehen und einfach glücklicher sein durch Ausrichtung auf echte, bleibende Werte.“
http://spuren.ch/content/buch-der-woche/single-ansicht-buch/datum////jeder-mensch-ist-ein-mystiker-brvon-abraham-h-maslow.html

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