Arthur Schopenhauer und der Buddhismus

Gerne verweise ich auf diese lesenswerte Seite:

http://www.schopenhauer-buddhismus.de/

Wir leben nun in einer Zeit, in der das interdisziplinäre und integrale Denken etwas mehr in den Fokus gerückt wird (und womöglich in den nächsten Jahrzehnten den ‘Mainstream’ wandeln wird), aber damals war dieser geniale Denker seiner Zeit äußerst weit voraus.

Mystik – das Grenzenlose
Das tiefste mystische Erleben ist nicht nur das Durchbrechen zu einer eigenen inneren Wahrheit, sondern das Eintreten in den Grund aller Dinge.” (Georg Schmidt, Die Mystiker der Weltreligionen)

Mystik ist kein Denken, kein Erforschen, kein Ergründen – nichts von alledem – es ist ein Erleben. Rätselhaft und unerklärbar. Dennoch: Es geht hier um eine Realität, auch wenn sie dem “normalen” Menschen vielleicht völlig unverständlich erscheint. Mystiker aus sehr unterschiedlichen Kulturbereichen haben – soweit ihnen Worte dafür überhaupt zur Verfügung standen – über ihre Erfahrungen berichtet, und zwar ziemlich übereinstimmend. Schopenhauer sah darin den Beweis, daß die Berichte der Mystiker auf Wahrheit beruhen:

“ Die überraschende Übereinstimmung der Mystiker aller Zeiten und Länder im innern Sinn und Geiste ihrer Lehren, sowie in ihrer Handlungsweise, bei der großen Verschiedenheit ihrer sonstigen Ansichten, bezeugt die Wahrheit ihrer Aussagen”

Wir, die “normalen” Menschen, sehen unsere Welt nur als Vielheit. Alles erscheint uns voneinander getrennt. Unsere Sicht, unser Denken unter- scheidet immer das “Ich” vom “Du” (das “Nicht-Ich”). Schopenhauer hat jedoch in seiner Philosophie gezeigt, daß die in unserem Denken scheinbar fest zementierte Grenze zwischen dem “Ich” und dem “Du” verschwimmen und schließlich überwunden werden kann. Man muß hierzu noch kein Heiliger sein, denn bereits jedes Zeichen von Mitgefühl, von Mitleid bedeutet, daß die Mauer, die das “Ich” vom “Du” trennt, abgebaut wird. Wie in der buddhistischen Lehre ( vor allem im Mahayana-Buddhismus ) ist daher in der Philosophie Schopenhauers Mitleid mit allem, was lebt, von zentraler Bedeutung.

Nicht weltabgewandtes kaltes Asketentum ist ein Zeichen mystischen Erlebens, sondern dieses äußert sich vielmehr in einem allumfassenden, tiefen Mitempfinden. So hat der bereits zitierte Georg Schmidt in seiner Untersuchung zu den Mystikern der Weltreligionen bemerkt:

“Die Einsamkeit des Mystikers verwandelt sich … in ein Miterleben und Mitempfinden mit allen Wesen… Die mystische Wahrheit ist der Anfang einer neuen Beziehung zur Welt, …wie sie die Noch-Nicht-Mystiker nicht für möglich halten. Die einen sprechen von Wahnsinn und von mangelnder Abgrenzung. Die anderen, die Mystiker, leben ihre neu gefundene Verwandtschaft mit allem, was ist… Der Mystiker… leidet mit den gefangenen Vögeln … Dieses spontane und grenzenlose Mitempfinden macht den (Mystiker) …unendlich verletzlich.”

“Verletztlich” ist hier in dem Sinne zu verstehen, daß der Mystiker, der sich der Welt geöffnet hat, besonders sensibel für das furchtbare Leid in dieser Welt geworden ist. So wird Heraklit, einer der ersten und bedeutendsten Mystiker der abendländischen Geistesgeschichte, auch der “weinende” Philosoph genannt. Unsere Welt ist von Leid durchtränkt. Meister Eckart,
Jakob Böhme, Schopenhauer und andere Mystiker waren von dieser Erkenntnis durchdrungen. Das gleiche gilt für die Mystik der östlichen Weisheitlehren wie dem Buddhismus und den indischen Upanischaden.

Die “ Erste Edle Wahrheit vom Leid”- wie es die Buddhisten nennen – ist mehr oder weniger deutlich in jeder Mystik enthalten. Aber alle Mystiker haben auch das Befreiende als spirituelles Erlebnis erfahren. Stets geht es darum sich von dem zu lösen, was wir für unser “Ich” halten und in “etwas” aufzu- gehen, was höher ist als unser Ich. (Selbst die Verwendung des Wortes “etwas” ist in diesem Zusammnhang eigentlich nicht angebracht.) Ob es ein Aufgehen im Göttlichen – “In-Gottsein” wie die Theisten es nennen – ist oder ob es als “Verwehen”, “Verlöschen” (Nirwana) oder irgendwie anders bezeichnet wird, ist hier ohne Bedeutung, denn Namen sagen dann ohnehin nichts mehr aus.

Vom Begrenzten zum Grenzenlosen, vom Vielen zum Einen führt der Weg der Mystik. Ist Vielheit lediglich Täuschung, das EINE hingegen die wahre Realität? Nicht nur Schopenhauer, auch andere Mystiker kamen zu dieser Erkenntnis. Für Menschen, die im begriffliche Denken verhaftet sind, ist das unbegreiflich, denn Begriffe setzen Vielheit voraus. Die von den Mystikern “geschaute” Wahrheit ist deshalb nicht in klar abgrenzbaren, eindeutig definierten Begriffe fassbar, sie kann allenfalls in Gleichnissen und Bildern dem Nichterfahrenen nähergebracht werden – wie vielleicht in diesem Bild aus dem Zen:

“Ein und derselbe Mond spiegelt sich in allen Wassern,
alle Monde im Wasser sind eins in dem einen einzigen Mond.”

Herbert Becker

Quelle:

http://www.schopenhauer-buddhismus.de/Mystik/Mystik-1/mystik-1.html

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4 thoughts on “Arthur Schopenhauer und der Buddhismus

  1. Ich fange mehr und mehr an zu glauben, dass jene die Grenzen Überwindenden gleichzeitig jene sind, die das Leid oder vielmehr die Energien der Welt sehr sensibel aufnehmen.

    1. Hallo, Tristan. Das ist mit Sicherheit so und entspricht auch meiner eigenen Lebenserfahrung. Je mehr sich der Geist öffnet, erweitert, je tiefer und intimer unsre Verbindung zum Leben ist, desto mehr Mitgefühl und Verständnis für das Leid der Welt wird freigesetzt. Die eigene Individualität wird ‘durchsichtig’ für die Welt. Dann ist das “eigene” oder das “fremde” Leid nicht mehr nur etwas Persönliches, sondern ein Teil des Ganzen. Das Überwinden der Grenzen ist nicht nur sehr befreiend, heilsam und beglückend, sie führt auch zu mehr Verantwortung für alles andere, zu einem intensiveren, bewussteren, klaren Erleben aller Erfahrungen, Gedanken, Gefühle. Dann ist es nicht mehr möglich Energie an mentale Scheuklappen zu verschwenden, weil wir unsre Beziehung zum Sein klar und deutlich spüren. Liebe Grüße, Mark

      1. So ist es gut beschrieben, und ich sehe in diesem Zusammenhang auch die Hochsensibilität oft Ausschlag geben oder Gefühl aufnehmen zu den äußeren Dingen. Ungeschützter, weil offener und feiner oder vielfältiger in seinen Empfindungen sein. Ein spannendes Thema.

  2. Ja, die Herausbildung von „Metta“ (liebevoller Güte) ist ein wesentlicher Bestandteil jedes spirituellen Weges. Wichtig ist – neben der Sanftheit – aber auch eine gewisse Schärfe oder Stärke, die allein dauerhaften Frieden gewährleisten kann. Shunryû Suzuki sagte ‘seid wie reine Seide und wie scharfer Stahl’. Alle diese Aspekte sind sehr wichtig und ergänzen einander.

    http://www.amazon.de/Seid-reine-Seide-scharfer-Stahl/dp/3453700368/ref=sr_1_fkmr1_1?ie=UTF8&qid=1430686879&sr=8-1-fkmr1&keywords=sanft+und+scharf+zen

    🙂

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