Das universelle Selbst

Es gibt also ein Geheimnis: das Esoterische, das Grundlegende, das Tiefgründige ist das, was wir das *Implizite* nennen wollen. Das Offensichtliche und klar Erkennbare hingegen werden wir das *Explizite* nennen. Nun sind das *Ich* und das *Sie* in ihrem Umfeld explizit so unterschiedlich, wie sie nur sein können, doch implizit sind wir identisch. Dies entdeckt ein Wissenschaftler sehr bald, wenn er versucht ganz zu beschreiben, was Sie tun. Da die ganze wissenschaftliche Arbeit in diesem Fall zum Ziel hat, ihr Verhalten zu beschreiben, und da sich dieses Verhalten nicht von der Welt um sie herum trennen lässt, wird dem Wissenschaftler bald klar, dass sie etwas sind, was die ganze Welt tut, genauso wie die Wellen des Meeres das wogende Meer sind. So ist also jeder von uns das Wogen des ganzen Kosmos, der gesamten Schöpfung, das Wogen von allem, was ist, und mit jedem von uns wogt dieses Ganze und sagt: “Hallelujah! Hier bin ich!” Doch tut es das jedes mal wieder anders, denn Variation ist die Würze des Lebens.

[…]

Merkwürdig ist, dass man uns nicht beigebracht hat, dies zu empfinden. Statt daß jeder einzelne von uns sich als eine Aktivität des ganzen Seins empfindet, haben wir das Gefühl, wir seien als Fremde in das Reich des Seins eingetreten. Wenn wir geboren werden, wissen wir nicht, woher wir gekommen sind, weil wir uns nicht daran erinnern

[…]

Die Folge ist, daß wir die unendliche Weite unseres Seins ignorieren beziehungsweise daß wir uns ihrer gar nicht bewusst sind. Menschen, die sich mit Hilfe unterschiedlicher Methoden ihres Flutlicht-Bewusstsein völlig bewusst werden, machen eine ‘mystische Erfahrung’ oder das, was Buddhisten bodhi  nennen und was eine Art des Erwachens ist. Hindus nennen dies moskha

Befreiung, weil sie durch dieses Erwachen entdecken, dass das wirkliche tiefe Selbst, das, was wir im tiefsten Grunde und immerdar wahrhaft sind, die Gesamtheit des Seins ist – alles, was existiert, das Ganze, das, was wir sind. Nur dieses universelle Selbst, das wir selbst sind, verfügt über die Fähigkeit, auf beliebig viele Hier-und-Jetzte zu fokussieren. William James hat treffend formuliert: *Das Wort ‘ich’ ist im Grunde eine ebensolche Ortsbestimmung wie ‘dies’ oder ‘hier’. So wie eine Sonne oder ein Stern viele Strahlen hat, gelangt in jedem Einzelnen von uns der gesamte Kosmos in unzähligen Variationen zum Ausdruck. Er spielt ein Spiel: das Hans-Meier-Spiel, das Lieschen-Müller-Spiel, das Käfer-Spiel, das Schmetterling-Spiel, das Vogel-Spiel, das Taube-Spiel, das Fisch-Spiel oder das Stern-Spiel. All dies sind Spiele, die sich voneinander unterscheiden wie Backgammon, Bridge, Poker und Skat oder wie Walzer, Mazurka,Menuett oder Tango. Das Universum tanzt in unendlichen Variationen, doch jeder einzelne seiner Tänze – also jeder Einzelne von uns – ist, was das Ganze tut. Doch wir vergessen und wissen nicht, wer wir sind. Weil wir auf eine bestimmte Weise erzogen worden sind, sind wir uns unserer Verbundenheit mit dem Ganzen nicht bewusst. Uns ist nicht klar, dass jeder von uns das Ganze ist, das sich eine Zeitlang in einer bestimmten Art von Spiel ausdrückt. Man hat uns dazu erzogen, den Tod zu fürchten, als sei er das Ende der Show, das Ende von allem. Deshalb sind wir darauf konditioniert, uns vor allem, was dem Tod vorausgehen könnte, zu fürchten: vor Schmerzen, Krankheit und Leiden. Wenn sie nicht völlig der Tatsache bewusst sind, dass sie im Grunde *das Ganze* sind, werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit keine wirkliche Freude im Leben haben, und Sie sind nichts als ein Häufchen Elend, ein Bündel von Ängsten, vermischt mit Schuldgefühlen.

Alan Watts: Das Tao der Philosophie,  Der Mythos vom Ich

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