David Steindl-Rast: Die Stille, das Wort und das Verstehen

„Das „Warum?“ führt uns in die Stille, in den wortlosen Abgrund. In jeder Tradition ist das Eintauchen in diesen wortlosen Abgrund eine Form der spirituellen Praxis, aber besonders im Zen wird es sehr zentral praktiziert. In der christlichen Tradition ist es das „Gebet der Stille“.
Die zweite Frage, mit der jeder Mensch konfrontiert wird, ist das „Was?“. Wenn wir uns wirklich fragen, was es in dieser Welt gibt, kommen wir an kein Ende. Die Welt ist unergründlich und in ihrer Fülle unerforschlich. Aber es ist eine andere Unendlichkeit als die Tiefe des „Warum?“ in der schweigenden Versenkung. Das „Was?“ ist eine Bewegung in die Weite – unerschöpflich. Hier geht es in der spirituellen Praxis um Begegnung. Auch dies finden wir in jeder spirituellen Praxis: die Begegnung mit allem, was es gibt, mit Menschen, Tieren, Pflanzen, mit dem ganzen Kosmos.
Die dritte Frage ist für die meisten die wichtigste: „Wie?“ Auch sie führt uns in das Geheimnis, in das Unergründliche, aber nicht in die Tiefe oder in die Weite, sondern ins Dynamische des Lebens. Diese dritte Dimension spiritueller Praxis ist das Tun, das Handeln in der Welt.
Spirituelle Praxis beginnt mit dem Schweigen, denn nur aus dem Schweigen kann das rechte Hinhorchen kommen. Im Hinhorchen begeben wir uns mit einem „Was?“ mit all unseren Sinnen in die Wirklichkeit. Die dritte Phase ist das „Wie?“, die ebenfalls aus dem Schweigen entsteht, das Tun. Aus dem Schweigen kommt das Wort und alles, was es gibt, wird als Wort verstanden, das uns anspricht. Jeder Mensch und jedes Tier, der oder das mir begegnet, ist ein Wort, das mich anspricht. Und mit dem Tun kommt das Verstehen, denn wir verstehen nur durch das Tun. Das Geheimnis hat also drei Dimensionen: das Schweigen, das Wort und das Tun.
Die spirituellen Traditionen haben hier unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: Der Buddhismus widmet sich hauptsächlich der Konzentration auf die Stille. Die letzte, große Predigt des Buddhas ist die „Blumenpredigt“, dabei sagt er kein Wort, er hält nur eine Blume empor. Sein Schüler Kashyapa lächelt und in diesem Lächeln wird die Nachfolge weitergegeben. Im Christentum, Judentum, Islam, in allen westlichen Traditionen ist es das Wort: Alles ist Wort, die ganze Welt ist Wort, das uns anspricht und dem wir antworten. Im Hinduismus hingegen geht es um das Verstehen. Ein Yoga-Meister sagte einmal zu mir: „Yoga in allen seinen Formen ist Verstehen.“ Yoga heißt wörtlich: „zusammenjochen“ – es verbindet das Wort und das Schweigen durch das Verstehen. Verstehen bedeutet dabei, sich vom Wort ergreifen zu lassen, sodass es uns hineinführt in das Schweigen, aus dem es ursprünglich kommt.“

Meditation und Dankbarkeit

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