Liebe ist Konvergenz

Der Gedanke von Luis Buñuel „Die Welt wird immer absurder. Nur ich bin weiter Katholik und Atheist. Gott sei Dank!“ ist für mich die Essenz der christlichen Mystik. Auf einer tieferen Wahrnehmungsebene entpuppen sich – oberflächlich betrachtet auseinanderstrebende Sichtweisen – als konvergent. Die Fähigkeit zum konvergenten Denken ist das Merkmal der Liebe. Die „convergentia“ (Wörterbuch: konvergieren Vb. ‘sich einander nähern, übereinstimmen’, anfangs (in der Optik und Mathematik) ‘sich nähern, auf einen gemeinsamen Schnittpunkt zulaufen’ (von Lichtstrahlen, Linien), entlehnt (18. Jh.) aus spätlat.convergere ‘sich hinneigen) ist sinngemäß die „Annäherung zweier Linien“. Im Symbol des Kreuzes sind die Linien von Erde und Himmel verbunden, somit die rational-weltlich-horizontale (relative) und die mystisch-transzendente-senkrechte (absolute) Seinsebene. Gerne gedenke ich der geistreichen Worte Simone Weils: „Von zwei Menschen ohne Gotterfahrung ist der, welcher ihn leugnet, ihm vielleicht am nächsten.“ In der geistigen Bewegung seit dem beginnenden 20 Jahrhundert ist eine Entwicklung zu bemerken, in der – einzelne, wenngleich nicht die Mehrzahl oder gar Masse der Menschen – nach einer Verbindung von rationalem und mystischen Denken streben, dies scheint der (ausgesprochene oder unausgesprochene) Mythos unsrer Zeit zu sein*. Zweifellos ist die rationale Einordnung der Welt lebenspraktisch erforderlich, aber diese Einordnung bietet nur einen formalen Rahmen, der mit Inhalt gefüllt werden möchte; da beginnt die Spiritualität, die dem Leben nach wie vor einen wirklich höheren Sinn und tiefe Bedeutung verleihen kann. Der Mensch sehnt sich nach Transzendenz, nach der liebevollen Einswerdung mit dem Großen Ganzen und der damit verbundenen Ausdehnung des Erlebens von Körper, Geist, Seele, Herz…

*„Entgegen der strengen Einteilung der Aktivitäten des menschlichen Geistes in getrennte Departemente seit dem 17. Jahrhundert halte ich aber die Zielvorstellung einer Überwindung der Gegensätze, zu der auch eine sowohl das rationale Vorgehen wie das mystische Einheitserlebnis umfassende Synthese gehört, für den ausgesprochenen oder unausgesprochenen Mythos unserer eigenen, heutigen Zeit.“(Wolfgang Pauli in Physik und Transzendenz)

© mdv

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